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Im Hochstubai war alles dabei

Wilder Freiger

Zum Saisonende 2015 habe ich als Gemeinschaftstour mit Alpenvereinsmitgliedern, eine Hochtour im Stubai geplant. Der Text ist lang, denn es war erlebnisreich. Bilder findet ihr ganz unten. Aber lest ruhig alles 😉

Wir waren zu viert und zwei davon kenne ich gut. Ein weiterer kam auf mich zu und wollte mit uns. Mit ihm habe ich im Vorfeld gesprochen und unter anderem die schwere der Tour dargestellt. "Kein Problem, schonmal gemacht". Dann muss ich das glauben.

Wir trafen uns wie üblich, früh morgens und fuhren gemeinsam ins Stubaital.
Als Stützpunkt haben ich die Müllerhütte (3145m) auserkoren. Ich habe den Aufstieg über den Lübecker Weg vorgeschlagen. Da der aber mit 1750Hm ein langer Hatscher ist, habe ich abstimmen lassen. Ergebnis: Seilbahn zum Schaufeljoch, dann Übergang über Wilden Pfaff (3458m) und Pfaffengrat (UIAA II) zur Müllerhütte. Na gut, wir sind eh schon etwas spät dran.

Noch war ich guter Dinge. Aber bald stellten wir fest, dass der in der Karte vezeichnete Weg vom Pfaffengrat zum Pfaffenjoch nicht mehr existierte. Also ging es weglos über Blockgelände hinab zum Pfaffenferner. Da der Weg bis hier recht mühsam war und Zeit kostete und das Wetter nicht so gut aussah, war mir daran gelegen, zügig aufzusteigen. Ich machte das Seil klar und wir gingen los. Im steten Tempo lief ich voraus. Kurze Zeit später zog es hinter mir am Seil. Pause. Ich dachte, "jetzt schon?". Und dann ging das alle paar Meter so. "Nicht so schnell". Ich war überhaupt nicht schnell. Gut, man muss die Geschwindigkeit dem schwächsten anpassen. Langsam bekam ich schon die Zweifel, ob wir alles zeitlich schaffen werden. Das Gefühl, "wir müssen Gas geben" und "es geht aber nicht" machte mir Sorgen.

Der Pfaffenferner

Endlich am Pfaffenjoch (3208m) angekommen. Ich wusste von einem anderen mal am Zuckerhütl (3507m), was nun kommt. Ich dachte, der Sulzenauferner ist hier ja flacher, dann geht's vielleicht voran. Eigentlich nur noch einen großen Bogen ums Zuckerhütl...

Nach einer Pause ging es weiter. Dann noch unterhalb vom Zuckerhütl mussten wir wieder stoppen. Diesmal weil einem die Höhe nicht bekam (oder wohl eher der schnelle Aufstieg mit der Seilbahn). Er musste sich übergeben. Das Pausenbrot war wieder raus. Und ich ritzte während des wartens, mit meinem Pickel "YOLO", You only live once, in den Gletscher. Mir war in der Situation danach. Wir kamen dann irgendwann auch auf dem Wilden Pfaff an. Hinter uns war noch Sonnenschein. Vor uns eine dichte Nebelwand. Ich hatte es befürchtet. Die Uhr war ja auch schon weit fortgeschritten. Ich fragte "aus Gründen", ob wir lieber umkehren sollen. "Nein".

Nebelsuppe. Da hinein...

OK da müssen wir jetzt runter, rein in den Nebel, rauf auf den steilen Grat. Abklettern ist die Devise. Auf einen sichtlich Unsicheren achtgebend und auf mich selbst achtgebend. Die Sorgen trieben mich um. Was ist wenn er blockiert, wenn er abrutscht? Es ist total neblig, es wird dunkel. Ich sah die Unbeholfenheit beim abklettern. Wir brachten ihn aber gut den Grat hinab. Auf dem Übeltalferner angekommen, war's dann vollends dunkel. Nebel und Dunkelheit auf dem Gletscher - eine Herausforderung für den Orientierungssinn. Zum Glück hatte ich GPS dabei. Die Hütte ist nicht mehr weit. Zumindest gefühlt.

Wir hielten uns am Gletscherrand, weil die Sichtweite nur wenige Meter betrug. Irgendwo hier muss doch die Hütte sein. Vor lauter Nebel fanden wir den Einstieg nicht und stiegen erstmal zu weit ab. Dann hörten wir auf einmal jemanden rufen. Oh Danke!!!!! Wir riefen zurück. Ein gutes Gefühl kam in mir auf. Mit Rufzeichen gab uns Lukas, der Wirt, Hinweise zur Richtung. Kurze Zeit später fanden wir auch den Einstieg und dann tauchte auch die Hütte im Nebel auf. Wir sind zuvor wohl einfach an der Hütte vorbei gelaufen!

Lukas und Heidi empfingen uns herzlich und wir bekamen sogar noch was warmes zu essen, obwohl es schon spät war. Eine Wohltat nach diesem Tag. Noch beim Essen beschlossen wir, morgen keine große Tour zu machen, nicht den Botzer (3251m) wie geplant. "Ausschlafen", was gemütliches. Einer wollte nicht mehr mit, nach dieser Tortur. Gegen einen Ruhetag ist auch nichts einzuwenden.

Am nächsten Morgen war herrliches Wetter. Die Sonne schien, der Gletscher glitzerte, unter uns ein Wolkenmeer. Nach dem Frühstück machten wir uns zu dritt auf, geradewegs über den Gletscher auf die Sonklarspitze (3463m) zu. In leichter Kletterei (UIAA II) ging's den Grat hinauf, oben über Firn zum Gipfel. Die Aussicht an diesem Morgen war gigantisch. Wir ließen uns Zeit und genossen den sonnigen Vormittag.

Auf dem Rückweg schauten wir uns noch die riesigen Spalten in der Gletschermitte an. Dort findet jährlich die Eisparade statt, ein Eiskletterwettbewerb in den Gletscherspalten. Dann kam der gemütliche Teil. Die Müllerhütte hatte Hüttenschluss. Wir saßen den ganzen Abend in der Küche bei Heidi, da die Hütte gerammelt voll war. Ich muss sagen, ich wurde selten so herzlich auf einer Hütte empfangen und umsorgt wie hier.

Der dritte und letzte Tag begann sonnig. Wir wollten auf den Wilden Freiger

zweiter Morgen. Becherhaus.

(3418m) und dann über den Lübecker Weg absteigen. Von der Hütte gingen wir über steiles Blockgelände bis zu einem Windkolk und da auf den Gletscher. Der Übergang dort, war vereist. Ich stand schon auf dem Gletscher und machte das Seil fertig, als ich kommen sah, was nun passierte. Einer lief über den vereisten Hang auf den Windkolk zu. Ich traute meinen Augen nicht. Pickel in der falschen Hand, Steigeisen falsch gesetzt. Ich rief ihm zu "Pickel zur Bergseite und mit allen Zacken auftreten!". Das kam aber nicht mehr durch. Er rutschte ab, konnte nicht bremsen und fand sich einige Meter unter mir wieder. Ich vergewisserte mich, dass es ihm gut ging, setzte eine Eisschraube und machte alle Knoten aus dem Seil heraus, die ich zuvor für die Seilschaft vorbereitet hatte. Das Seil ließ ich hinab zu ihm. Außer ein paar Kratzern ist zum Glück nichts passiert.

Nach einer schnellen Bergungsaktion, bei der die beiden anderen tatkräftig unterstützten, konnten wir weiter gehen. Mir kam jedoch alles andere in den Sinn. Ich war fast davor, nicht nach Norden, sondern nach Süden, zur Timmelsbrücke im Südtirol abzusteigen, nur um nicht über den Lübecker Weg zu müssen. Ich hatte zwischenzeitlich äußerste Bedenken ob das noch alles gut geht.

Bergschrund

Schon bald zogen Wolken auf, Nebel setzte sich und ein starker Wind kam auf. Auf den Wilden Freiger stiegen wir dann nicht mehr, sondern gingen nur bis zur Scharte hinauf und querten dort in den Süd-West-Grat. Über diesen hinab zum Fernerstuben Gletscher.

Der Wind wurde so stark, dass ich manche Teile auf dem Grat schon fast im Sitzen überquerte um die Angriffsfläche gering zu halten. Ich hatte teilweise das Gefühl, mich weht's gleich weg. Die Kletterei bleibt auf dem Grat im UIAA II Bereich. Es sind jedoch im Vergleich zum Pfaffengrat viele Stahlseile angebracht. Bei diesen Verhältnissen, war das zudem auch sehr angenehm. So kamen wir stetig hinab zum Gletscher. Und dann über diesen, den vielen Spalten ausweichend hinab zum Wanderweg. Ganz langsam nur, weil der Morgen seinen Tribut forderte. Was ist denn los, fragte ich mich. Ich sah den Regen kommen. Und ich musste langsam laufen. Ich spürte ein Gefühl von Wut in mir aufsteigen, ich fühlte mich getäuscht.

An der Moräne angekommen, also außerhalb jeglichem Gefahrbereich, ging ich eine Weile alleine und mit Abstand voraus. Nun im Regen. Den Abstand hatte ich gebraucht um mich zu sortieren.

Moräne

Schon bald kam ich auf der Sulzenauhütte an und die anderen kurze Zeit später auch. Wir kehrten dort ein. Einer fragte beim Essen, ob wir jemanden kennen, der seine fast neuen Pickel, Steigeisen und Gurt gebrauchen könne. Oh Nein! Das darf jetzt nicht wahr sein! Im weiteren Abstieg ging ich mit ihm zu zweit, ganz langsam, und wir redeten unter vier Augen, tranken unterwegs noch ein frische Milch an einer Alm. Die anderen beiden schickten ich voraus, das Auto holen. Klein Anfangen und sich herantasten, ehrlich zu sich selbst sein und sich einzuschätzen lernen, war mein Vorschlag. Ich hoffe Pickel und Co. haben den Besitzer nicht gewechselt.

Ich bin froh, das allen Widrigkeiten zum trotz, nichts passierte und ich denke, jeder der Beteiligten, hat seine Lehren aus diesem Wochenende ziehen können.

GPX Daten:

 

Die Bedingungen von damals:

https://www.alpenvereinaktiv.com/de/aktuelle-bedingungen/wilder-pfaff-unproblematisch-vom-eisjoch/15110446/

https://www.alpenvereinaktiv.com/de/aktuelle-bedingungen/wilder-pfaff-ostgrat/15110476/

https://www.alpenvereinaktiv.com/de/aktuelle-bedingungen/sonklarspitz-von-muellerhuette/15110531/

https://www.alpenvereinaktiv.com/de/aktuelle-bedingungen/luebecker-weg-von-der-muellerhuette/15112445/

Tourenbeschreibung auf die Sonklarspitze:

https://www.alpenvereinaktiv.com/de/tour/sonklarspitze-3463m-von-der-muellerhuette/15139584/

Bilder von der Tour:

9 Gedanken zu „Im Hochstubai war alles dabei

  1. Marion Kiebler

    Ich war beim Lesen mittendrin im Geschehen und habe beim Lesen gespürt , welche Kraft es kostete die Gruppe zu führen. Ich hoffe sehr , dass derjenige , der sich zu viel zugemutet hat nicht aufgibt und sich langsamer an die Berge herantastet. Auch sein Mut und sein Durchhaltevermögen ist zu bewundern in dieser Situation. Am Ende haben es alle geschafft! Und das ist das Wichtigste. Jeder hat daraus gelernt.

    Antworten
    1. Joe Stiegler

      Liebe Mama,

      Danke für deinen Kommentar.
      Genau das wollte ich erreichen. Also auch mal schreiben, was los war, dass nicht immer alles nach Plan läuft, das Selbsteinschätzung essentiell ist und so weiter. Meine Absicht war es keinesfalls, jemanden in die Pfanne zu hauen. Mir geht es vielmehr auch darum, meine Gefühle dabei zu transportieren. Beim schreiben war ich sehr unsicher, ob das richtig ankommt.

      Grüßle Joe

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  2. Erika

    Hi Joe, wie gut, dass du den Blog gestartet hast! Die Geschichte ließt sich spannend, wie gut kann ich Deine Gefühle zwischen Wut und Zweifel nachvollziehen! So viele Unwägbarkeiten bei einer so klassischen Tour, das ist fast gruselig. Es ist gut, mal zu lesen, dass bei solchen Führungstouren nicht immer alles glatt läuft. Und gut, dass Du routiniert genug warst, um ruhig zu reagieren. Alles Gute weiterhin!

    LG

    Erika

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    1. Joe Stiegler

      Hi Erika,

      Danke!
      Genau das wollte ich auch - mal schreiben was nicht gut lief, dass nicht immer alles so toll ist, wie die Bilder es erscheinen lassen. Hab aber auch genug positive Geschichten auf Lager 😉 Apropos positiv, die Tour hatte auch viele tolle Momente. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das beim lesen ersichtlich ist.

      Wünsche dir auch alles Gute weiterhin. Immer heil wieder herunterkommen!
      Und einen guten Rutsch!
      LG Joe

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      1. Michael Prittwitz

        Hi Joe,
        Ja, das kommt schon rüber, aber eher aus den Bildern als aus dem wirklich gut und spannend geschriebenen Bericht. Ich bin auf ihn gestoßen über einen Tweet von Ulligunde. Er lässt viele Erinnerungen wach werden - und lockt, trotz der vielen negativen Aspekte, dazu, gleich dorthin los zu ziehen. Was ich leider momentan aus ärgerlichen gesundheitlichen und natürlich auch jahreszeitlichen Gründen nicht kann. Aber ich hoffe, dass ich im Sommer wieder so weit bin, dass ich zusammen mit meiner Frau endlich auch mal die Stubaier besser erkunden kann, sie reizen schon lange. Aber bisher hat immer das Wallis noch stärker gezogen😉. Vorletztes Jahr haben wir allerdings eine interessante Tour auf den Schrankogel gemacht (https://goo.gl/photos/RVHrbd5aENvoMbGo8j).

        Liebe Grüße und einen guten Rutsch von einem Berg-Oldie
        Michael

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        1. Joe Stiegler

          Hi Michael,

          ja das Stubai ist immer eine Reise wert. War da die letzten Jahre regelmäßig. Und ja, Wallis reizt mich auch sehr, bin auch jedes Jahr mal dort. Aber ich hab kein Goldesel und in Österreich gibt's ja auch echt noch genug tolle Hochtouren 🙂
          Hoffe du kannst nächstes Jahr wieder loslegen. Wünsche Dir und deiner Frau das Beste und einen guten Jahreswechsel.

          Grüßle Joe

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  3. Alex Juli

    Hallo Joe, toller Bericht zum Tourenführer-Dasein beim Dav. Ich war selbst 15 Jahre als FÜ im Bereich Hochtouren ganze Sommer untetwegs, alles was Du beschreibst habe ich auch kennengelernt. Meines Erachtens nimmt die Überschätzung sogar zu, gerade in München/Oberland. Hier hatte ich länger schon das Gefühl "Single-adventure-Tours" zu führen und keine Vereinstouren, bei denen man sich kennt. So wird der Berg zu buchbaren Konsumware, man bucht ihn am Jahresanfang und wenn noch ei nettes Mädel dabei ist, umso besser...Auch die gewachsene Fitness spielt hierbei eine negative Tolle, weil die dazu verleitet, den Berg zu unterschätzen. 1000 hm weglos zwischen 3000-4000 Meter ist eben eine andere Hausnummer als die 1200 hm auf den Guffert in 90 Minuten hochzurennen...Ich freue mich auf mehr Berichte von Dir.
    Beste Grüße

    Alex

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  4. Thomas

    Hallo Joe,

    Danke für deinen emotionalen Bericht. Ich finde, das ist auch ein gutes Beispiel, wo die Gemeinschaftstour eigentlich faktisch zur Führungstour wird. Das ist immer eine „Gratwanderung“. Wünsch dir für das nächste Jahr etwas mehr Spass!

    Grüße
    Thomas

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