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Von Schafen, Kristallen und Gletschern

An einem Wochenende im August 2015 waren wir auf dem Weg in die Schweiz, ins Berner Oberland. Im Inntal stieg das Thermometer dieser Tage auf 40°C. In vielen Städten und Gegenden in anderen mitteleuropäischen Ländern ebenfalls. Wir sind an diesem Tag zu Dritt unterwegs (Myriam, Marcel und ich) und werden uns am folgenden Tag mit drei weiteren Treffen (Moni, Stefan und Thomas). Ins Lötschental geht’s. Wir nehmen den Tunnel mit Bahnverladung. Das spart Zeit...

Wir steigen am ersten Tag bei brütender Hitze durch das Unesco Welterbe hindurch, über eine ursprüngliche Landschaft, vom stark zurückgegangenen Langgletscher geschliffenes Gestein, über den Gletscher-Erlebnis-Weg, am Gletscherbach entlang, zur Anenhütte. Eine sonderbare Hütte. Vielmehr ein Hotel. Alles neu, alles unwirklich in der Welt der Berge. Ich komme mir auch leicht komisch vor, hier in Mitten von den anderen Touristen. Sind wir hier die einzigen Hochtourengänger? Hier ist gefühlt vier Sterne angesagt, statt übliches Berghüttenfeeling. Der Geldbeutel wird’s auch spüren. So teuer habe ich noch nirgends übernachtet und gespeist. Aber vielleicht war's notwendig, denn an dem Abend hab ich was erlebt, das ich nicht für Möglich hielt.

In einer Broschüre fanden wir den Hinweis, dass es unweit oberhalb der Hütte einen abendlichen Sammelplatz von Alpensteinböcken gab. Da geh'n wir hin, ein paar schöne Fotos im Abendlicht machen, so der Plan. Auf dem Weg trafen wir auf zwei Schafe. Schafe trifft man ja oft in den Alpen und in der Regel gehen die einem aus dem Weg oder kümmern sich nicht. Aber die hier waren anders.

Schafe die alarm auslösten

Jedenfalls glaube ich, sind die beiden Schafe erschrocken, als wir aufgetaucht sind. Dann gab es ein schafiges Geschrei und plötzlich schrie und blöckte es lautstark um uns herum. Eine ganze Menge weiterer Schafe kam blöcked den Hang heruntergerannt. Sie rotteten sich zusammen und bildeten eine Linie uns gegenüber. So kamen sie auf uns zu, hielten aber erst Abstand. Sie blöckten sehr aufgeregt dabei. Ich dachte noch, die markieren halt den Starken, aber machen bestimmt nix. Dann rannten sie los, auf uns zu. Und dann haben auch wir die Beine unter die Arme genommen und sind gerannt. Das war dann doch irgendwie unheimlich. Weglos zackig den Hang hinab. Die klangen sehr aggresiv. Irgendwann hielten sie an, blöckten aber weiter. Das war deutlich. Wir sollen verschwinden und weg bleiben. Wir haben es verstanden. Ich glaube, es lag an der Dämmerung und, dass die schon teilweise geschlafen haben. Ich bin heute noch beeindruckt, wie die sich verteidigt haben. Ob die auch große Beutegreifer wie Wolf und Bär so vertreiben können?

Am nächsten Morgen kamen die anderen drei zu dieser Hütte und gemeinsam stiegen wir dann, über den Langgletscher zur Hollandia Hütte hinauf. Der Hüttenwirt von der Anenhütte erzählte noch von Strahlern, die in der Gegend vom Gletscher Kristalle aus dem Berg holen. Und tatsächlich, auf dem Weg zum Gletscher glitzert es überall. Ich finde zufällig sogar was.

Am Gletscherrand angekommen ging es erst seilfrei über blankes Eis, dann angeseilt mal über morschen Untergrund, dann starker Steinschlag in der Wand zwischen Sattelhorn und Schienhorn, unterhalb der Lötschenlücke. Hier knackte und krachte es, und es kam ständig, minütlich, das ganze Wochendenende hindurch, Steinschlag herab, dem man links umgehend ausweichen musste. Um riesige Spalten herum, kamen wir in greifbare Nähe zur Hütte. Dort angekommen, noch als wir auf dem Gletscher waren, nahm uns die Wirtin von weitem herzlich in Empfang und lotste uns etwas um die Spaltenzone vor der Hütte.

Die Hollandiahütte liegt traumhaft unterhalb vom Aletschhorn, mit bestem Blick ins Lötschental hinab, auf der anderen Seite blickt man direkt auf den Konkordiaplatz. Hier trefffen eine Handvoll Gletscher zusammen und hier nimmt der imposante Aletschgletscher seinen Lauf. Auf der Hüttenterasse gibt’s bei dieser mega schönen Aussicht erstmal Kuchen. Wir drei hatten es ja heut gechillt. Die anderen drei haben sechs Stunden Aufstieg hinter sich.

Am nächsten Morgen in aller Frühe, so wie eben bei Hochtouren üblich, kam ich die Treppe zum Gastraum hinab. Alles war noch dunkel, aber es brannte eine Kerze. So romantisch und liebevoll wird die Hollandiahütte geführt. So früh was essen, ist für mich immer eine Überwindung. Da geht meißt nicht viel runter. Muss aber, denn sonst bekomme ich nach zwei Stunden auf Tour schon Kohldampf ohne Ende.

Wir gingen durch das weite und flache Gletscherbecken in der Hitze des Morgens, auf das Mittagshorn zu. Dann in einem Bogen auf die Ebnefluh (3962m) bzw. Äbeni Flue, wie sie in schweizer Karten geführt wird.

Die Randklüfte waren weit offen und so mussten wir über den Süd-West Grat zum Gipfel. Spalten waren auch hier einige offen. Einige jedoch auch noch zu, aber etwas unheimlich beim überqueren. Die Hitze ist auch hier oben heftig in diesen Tagen. Bald standen wir auf der Ebnefluh und blickten direkt auf die Jungfrau, Gletschhorn, Fiescherhörner, Dreieckhorn, Aletschhorn, Finsteraarhorn... gigatonomisch hier.

Eigentlich war der Plan von der Ebnefluh aus das Gletschhorn zu überschreiten. Angesichts der Verhältnisse war das aber nicht drin.

Auch das Latschen auf langen flachen Gletschern macht einen müde. So wollte ich und Thomas im Rückweg noch das Mittaghorn besteigen, aber die anderen hatten dazu keine Muse mehr. 2:4, da waren wir überstimmt.

Aber ein kleiner weiterer Gipfel wäre doch noch was, so gingen wir kurz vor der Hollandia Hütte noch einmal vom Gletscherbecken aufwärts Richung Anuchnubel (3589m). Da aber war die Randkluft schon so breit, dass man hätte hinauf und hinüber springen müssen und es hörte sich auch nicht gut an beim betreten. Morsch, dumpfes knacken. Also nix wie weg hier.

Nö da gehn' mer net drüber

Am Abend noch stand die Frage im Raum, ob wir am nächsten Morgen den Anuchubel nochmal probieren sollen. Wenn's dann über Nacht durchgefriert, würde der Rand der Kluft bestimmt halten. Aber das Komitee incl. mir, sprach sich gegen diesen Vorschlag aus und schlug vor, im Abstieg nach Bergkristallen zu suchen, statt noch einmal den Hatscher durch das weite Gletscherbecken bei unsicheren Erfolgsaussichten zu unternehmen. 1:5, Meuterei 😉 Aber der weitere Wetterbericht versprach sowieso Regen.

Im Abstieg mussten wir natürlich wieder an der Steinschlagwand vorbei. Gerade als wir vorbei wollten, krachte es lauter als sonst dieser Tage. Viel größere Brocken schossen herab. Wir flüchteten den Gletscherhang hinauf. Wie schnell du da auf einmal den steilen Berg aufwärts rennen kannst. Auf Kommando in Seilschaft, alle zeitgleich. Dann geschwind wie der Wind, vorbei an dem sterbenden Berg.

Am Gletscherrand dann tatsächlich noch eine Weile Kristalle gesucht. Manch einer schleppte kiloweise Steine mit ins Tal hinab. Vor allem die bandscheibengeschädigte Myri, tztztz 😉

Im weiteren Abstieg kam dann auch der versprochene Regen. Der bescheunigte das Vorhaben natürlich etwas. Ich war zu faul um meinen Rucksack dicht zu machen. Für die Regenhose war ich auch zu faul. Das büßte ich auf der Heimfahrt. Denn die Wechselhose im Rucksack war dann genauso nass, wie die, die ich an hatte. Warum hab ich keine im Auto, wie sonst? Naja Faulheit siegt.

Eine überwältigende schöne Gegend. Wir hatten auch mega gute Lichtstimmung morgens und abends. Unvergesslich. Nur arg warm. Aber angenehmer als im Flachland allemal 🙂

Bilder der Tour:

Video vom Schafkomplott:


Der "run" auf uns zu, ist leider nicht mehr gefilmt worden. Der startete direkt da, als das Video hier endet.

Die Tour im Tourenportal alpenvereinaktiv.com:

Ein Gedanke zu „Von Schafen, Kristallen und Gletschern

  1. Myri

    Lieber Joe,

    puhhhh, das war damals echt ne erlebnisreiche Tour - landschaftlich der Wahnsinn und das mit den Schafen auch. Gott hatte ich damals Schiss vor denen. Sowas hatte ich bisher auch noch nie erlebt.

    Meine rießen Sammlung an Bergkristallen zu Hause erinnert mich jeden Tag an diese tolle Tour.

    Bin gespannt auf deine folgenden Berichte - weiter so 🙂

    Liebe Grüße
    Myri

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